"Gehzeuge" in Regensburg

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Wem gehört der öffentliche Raum?
Erstaunlich positive Reaktionen auf kreative Straßenaktion
 
Am Samstag, den 5. Mai 2018,  machten Aktive der Aktionsplattform Verkehrswende für den Raum Regensburg, in der auch Greenpeace Regensburg mitarbeitet, mit einer kreativen Aktion auf den enormen Flächenbedarf von PKW aufmerksam. Dazu trugen sie erstmals in Regensburg fünf selbst gebastelte, so genannte „Gehzeuge“ durch die Altstadt: Ein Rahmen in der Größe eines Mittelklassewagens, der von einer in der Mitte befindlichen Person getragen werden kann. Erdacht hat sich dieses „Gefährt“ der international anerkannte Verkehrsplaner Hermann Knoflacher bereits 1975, um auf besonders eindrückliche Weise das zentrale Problem des Autos im Stadtverkehr zu verdeutlichen: Aufgrund ihrer Größe bremsen sie Fußgänger, Radfahrer, den ÖPNV und sich selbst aus. Denn wer mit dem Auto unterwegs ist, verbraucht ein Vielfaches an Raum wie Fußgänger, Radfahrer oder Nutzer des ÖPNV.
 
Die Aktion fand überwiegend Zustimmung. Während der Demonstration signalisierten zahlreiche Passanten mit erhobenem Daumen bis hin zu begeisterten Klatschkonzerten ihre Zustimmung, Ärger z.B. aufgrund der durch die Gehzeuge versperrten Wege gab es nur vereinzelt. Die Organisatoren waren sich einig, dass die Stadt schon angesichts dieser Beobachtung mutiger sein könnte bei der Verkehrsberuhigung.
 
Mit „Gehzeug-Aktionen“ wird inzwischen in vielen Städten der Welt auf den Verlust des öffentlichen Raums für die Bewohner und Bewohnerinnen aufmerksam gemacht. Mit der „Begehung“ protestieren die Veranstalter gegen die Entwertung historischer Altstadtplätze durch PKW-Verkehr just an dem Tag, an dem die Veranstaltung „Regensburg mobil“ stattfindet und an zahlreichen Altstadtplätzen Neuwagen von Regensburger Autohäusern ausgestellt werden. Harald Klimenta, Mitorganisator der Veranstaltung, begründet die Aktion: „Wir möchten das Nachdenken über eine faire Verkehrspolitik anregen. Das heißt, dass alle TeilnehmerInnen (FußgeherInnen, RadfahrerInnen, AutofahrerInnen,…) gleich behandelt und berücksichtigt werden. Die Demonstration richtet sich nicht gegen Autofahrer, sondern gegen eine Verkehrspolitik, die Menschen zwingt, das Auto benutzen zu müssen, etwa weil kaum Busse fahren, man sich auf Rädern gefährdet fühlt oder der öffentliche Verkehr zu teuer ist.“
 
Bei den meisten Fahrten in der Stadt werden nur Strecken bis 5 km zurückgelegt. Würden zwei Drittel der Autofahrer für diese Strecken auf ÖPNV und Fahrrad umsteigen, hätten wir auch zu Hauptverkehrszeiten flüssigen Verkehr. Dazu muss der Autoverkehr in der Altstadt reduziert und das Radverkehrswege- und ÖPNV-Angebot erweitert werden. Das Bündnis wünscht sich, dass die Stadt darauf hinarbeitet, den Domplatz, den Alten Kornmarkt und den Emmeramsplatz genauso attraktiv zu gestalten wie den Haidplatz oder den Neupfarrplatz. Heute können sich die Regensburger selbst davon überzeugen, wie sehr Autos einen Platz wie den Haidplatz verunstalten. Um die Mobilitätsbedürfnisse der Regensburger zu befriedigen, muss Car-Sharing und Bike-Sharing gefördert, das Radwegenetz ausgebaut und der ÖPNV deutlich bequemer, schneller, günstiger und enger getaktet werden – vor allem auch ins Regensburger Umland.
 
Johannes Ludsteck ergänzt: „Die Verkehrsmisere in der Altstadt sticht nur deswegen ins Auge, weil wir dort noch Aufenthaltsqualität erwarten. Überall sonst haben wir uns längst daran gewöhnt, dass unsere Städte und Gemeinden, die Orte zum Wohnen, Leben und Arbeiten sein sollten, vielfach in laute, gefährliche und öde Verkehrsinseln umgebaut wurden. Obwohl Regensburg seit Jahren boomt und wächst, fehlt ein vernünftiges Verkehrskonzept. Dass z.B. der Anteil der mit dem Auto zurückgelegten Wege innerhalb (!) Regensburg bei 43 % liegt, in Freiburg dagegen bei gerade einmal 21 %, ist nicht gottgegeben, sondern Folge der verfehlten Verkehrspolitik in unserer Stadt.“
 

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